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TTIP ist eine logische Konsequenz aus dem EU-Binnenmarkt

22.09.2014 | id:5393722

Interview mit Ulrich Reifenhäuser, Geschäftsführer der Reifenhäuser Group.Das Familienunternehmen aus dem rheinischen Troisdorf ist auf Technologien und Komponenten für die Kunststoffextrusion spezialisiert.

Was ist Ihr wichtigstes Argument für das atlantische Freihandelsabkommen?

Ulrich Reifenhäuser: Die deutsche Wirtschaft hat ihre Stärke im Export. Deshalb ist der europäische Binnenmarkt auch besonders wichtig für Deutschland. Dadurch wird das wirtschaften in Europa erleichtert. Wenn wir jetzt versuchen, diesen Binnenmarkt über TTIP auszuweiten, dann ist das für mich nur eine logische Konsequenz aus dem EU-Binnenmarkt. Wir reißen Barrieren zu anderen Märkten ein, um den Handel zwischen diesen Märkten zu vereinfachen.

Wie können Sie als Mittelständler Kritiker von TTIP auf Ihre Seite ziehen?

Reifenhäuser: Es wird mehr Handel betrieben werden, besserer Handel. Es wird letztlich für die Menschen auf beiden Seiten von großem Vorteil sein, wenn die Handelsbarrieren verschwinden, wenn Handel einfacher wird, wenn es keine Zölle mehr gibt. All das macht Sinn und ist für beide Wirtschaften günstig. Ich sehe überhaupt keinen Grund, warum wir es nicht machen sollten.

Ich gehe noch einen Schritt weiter: Warum sollen wir nach TTIP nicht weitere Freihandelsabkommen schließen? Die Protektionsbarrieren verschwinden immer mehr. Ich finde, dass der TTIP-Prozess ein richtiger und folgerichtiger ist. Nachdem wir es in Europa ja erfolgreich gemacht haben, warum jetzt nicht auch über den Atlantik und später woanders?

Dann ist dieser künftige gemeinsame Markt kein Gegengewicht zu anderen Wirtschaftsregionen, beispielsweise China?

Reifenhäuser: Nein, überhaupt nicht. Man braucht in der Weltwirtschaft keine Gegengewichte. Es ist doch wunderbar, wenn die Chinesen wachsen und zur größten Wirtschaftsnation aufsteigen wollen. Momentan sind sie es nicht im Entferntesten. Chinas Wirtschaft ist gerade einmal ein Bruchteil von der in USA.

Für manche Menschen in Deutschland heißt TTIP nur eins: Chlorhühnchen.

Reifenhäuser: So ein Blödsinn. Ja, es ist richtig, die geschlachteten Hühnchen werden gechlort. Aber wenn man ins Hallenbad geht, ist die Portion Chlor, die man aufnimmt, um ein vielfaches höher als beim Chlorhühnchen, das das Chlor bei der weiteren Verarbeitung  dann sowieso noch verliert. Es scheint so, dass es immer wirkungsvoller ist, etwas Ungewöhnliches anzuprangern, aber Chlorhühnchen sind nicht abstoßend. Auch im Leitungswasser sind heute teilweise viele höhere Chlorkonzentrationen als in einem so genannten Chlorhühnchen. Der Verbraucher kann aber schließlich selbst entscheiden, ob er das Hühnchen aus Kentucky oder eines aus Deutschland kauft.

Den Befürwortern von TTIP wird vorgeworfen, sie drängten alle Bedenken gegen das Abkommen auf die Seite, weil sie sich höhere Gewinne von diesem Freihandel versprechen.

Reifenhäuser: Unternehmen sind dazu da, Gewinne zu machen. Das Thema Wachstum ist für jede Industrie wichtig. Unsere Industrie tut sich einfacher, wenn sie wächst. Wir wachsen, indem wir neue Dinge entwickeln oder das Geschäft mit etablierten Märkten verbessern. Wir sollten uns lieber fragen, warum wir überhaupt ein Problem sehen. Wir haben doch mit der EU bereits ähnliche Erfahrungen gemacht. Der Mittelstand hat extrem vom Binnenmarkt profitiert – und das hat natürlich auch positive Folgen für die Beschäftigung. Man darf nicht vergessen, dass der deutsche Mittelstand die meisten Arbeitsplätze in Deutschland anbietet.

Gab es politische Fehler, die zur ablehnenden Haltung von TTIP geführt haben?

Reifenhäuser: Vielleicht war es ein Fehler, jeden Gesprächsschritt sofort zu veröffentlichen. Vielleicht ist das zu transparent. Es geht um wichtige Entscheidungen. Aber wenn man immer alle Einwände berücksichtigt, kommt man nie zu einem Ergebnis, weil es immer Leute geben wird, die gegen eine Sache sind. Präzision und Offenheit finde ich sehr wichtig. Aber eine solch komplexe Angelegenheit quasi basisdemokratisch zu entscheiden, halte ich für falsch.

Entfallen nicht erst einmal Arbeitsplätze durch TTIP, weil die Firmen keine Leute mehr brauchen, die sich um die jeweiligen Standards in den Exportmärkten kümmern?

Reifenhäuser: Das sehe ich nicht. Die eigene Normenabteilung brauchen wir natürlich immer noch. Es kommen vielmehr neue Arbeitsplätze hinzu, weil wir neue Märkte, neue Umsätze und neue Kunden durch niedrigere Preise gewinnen können, weil wir keine fünf Prozent Zoll mehr zahlen müssen, beispielsweise.

Was ist der größte Nutzen von TTIP für Reifenhäuser?

Reifenhäuser: Die Vereinfachung der Auftragsabwicklung. Wichtig wäre auch, dass wir eine Annäherung in Sachen Arbeitssicherheit bekommen. Dass wir die europäischen Normen mit den amerikanischen in Einklang bringen. Dann, dass wir keine Zölle mehr zahlen müssen. Ich sehe auf allen Ebenen Vereinfachungen. Vereinfachungen sparen Kosten und geben Chancen auf neues und mehr Geschäft.

Wie kann man sicherstellen, dass bei der Angleichung der Standards jeweils der bessere übernommen wird?

Reifenhäuser: Ich verstehe die Angst vor amerikanischen Standards nicht. Sie sind doch ganz überwiegend viel verbraucherfreundlicher als unsere. Das hat auch mit der Prozessierfreudigkeit der Amerikaner zu tun. Jeder Standard, jede Regulierung muss wasserdicht sein, damit man sich nicht angreifbar für Klagen macht, die oft mit astronomischen Schadenersatzsummen enden.

Bildquelle : Julien Eichinger--Fotolia / Reifenhäuser Group

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Foto Ulrich Reifenhauuser...

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